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Alles nach Gottes Plan |
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Interview mit Reinhard Gammenthaler
(erschienen in Yoga Aktuell, Oktober 2007)
Nichts für die breite Masse: der Schweizer Reinhard Gammenthaler beschreibt sich selbst als einen Yoga-Sadhaka, der einen der wenigen noch verbliebenen authentischen Yogapfade geht. In diesem Interview spricht er über den von ihm praktizierten Kundalini-Yoga, die Erfordernisse einer rigorosen Sadhana, über seine Ablehnung gegenüber weichgespülten Abwandlungen der Yoga-Tradition und über seinen Traum, eines Tages ein richtiger Yogi zu werden.
Reinhard Gammenthaler ist ein Schüler des indischen Yogis Dhirendra Brahmachari, der 1994 bei einem Flugzeugunglück ums Leben kam. Gammenthaler folgt seit über einem Vierteljahrhundert der Tradition seines Guru. Er verbrachte viele Jahre mit seinem Lehrer in den Fusshügeln des Himalayas, wo er sich einer strengen Sadhana-Praxis hingab. Erst nach vielen Jahren der eigenen Praxis begann er, die Tradition des Swami Dhirendra Brahmachari weiter zu geben. Im Jahr 2002 gründete er eine Yogaschule in Bern und lehrt seitdem Kundalini Yoga. |
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YA: |
Was ist Yoga in der Tradition und Lehre des Dhirendra Brahmachari? |
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RG: |
Swami Dhirendra Brahmachari was ein echter und verwirklichter Yogi, und das von ihm vertretene Yoga-System wurde ihm von seinem Guru Maharshi Kartikeya gelehrt, der es in den Zeiten seiner Wanderschaft von praktizierenden Yogis im Himalaya empfangen hatte. Es ist das Wissen der auf die uralten Yogis Goraksha and Matsyendra zurückgehenden “Guru-Shishya-Parampara”, der traditionellen Erbfolge von Meister und Schüler. Es entspricht in allen Teilen den Überlieferungen der Yoga-Shastra, d.h. den Basis-Texten des Yoga wie z.B. Hathayoga-Pradipika, Gheranda-Samhita, Shiva-Samhita, Patanjala Yoga-Darshana oder der Goraksha-Paddhati. Dabei geht es stets um die Verwirklichung des göttlichen Selbst durch praktische Übungen, Hingabe, Glaube, Vertrauen und Ausdauer. Yoga in seiner wirklichen Form ist eine praktische Wissenschaft, die das gesamte menschliche Wesen, Seele, Geist und Körper, in diesen Prozess der Transformation einbezieht. Der Körper, der in vielen mehr geistig orientierten altindischen Systemen gering geachtet oder sogar als Hindernis betrachtet wird, erfährt im Yoga einen hohen Stellenwert und wird als göttliches Instrument zur Transformation angesehen. Mein Guru legte grossen Wert darauf, dass seine Schüler der Praxis huldigen, denn nur aus praktischer Arbeit kann umfassende Kenntnis entstehen, und er pflegte sogar zu sagen, dass Menschen, die nicht praktizieren, es im Grunde genommen gar nicht verdienen, gesund zu sein. Umfassende Gesundheit ist ein hoher göttlicher Zustand, den zu erreichen das wichtigste Ziel eines Menschen sein sollte. |
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YA: |
Ihr Guru war bzw. ist Dhirendra Brahmachari, sie haben viele Jahre bei ihm im indischen Kaschmir verbracht und sich dort einer rigorosen Sadhana unterworfen. Wie sah ihr Tagesablauf in dieser Zeit aus? |
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RG: |
Im Alter von etwa 26 Jahren wurde ich von den Lebensumständen richtiggehend gezwungen, eine Kursänderung einzuschlagen und mit der Yoga-Praxis zu beginnen. Dass es mir in der Folge gelang, die Aufmerksamkeit eines Yogi vom Kaliber eines Dhirendra Brahmachari auf mich zu ziehen, ist wohl der grösste Glücksfall in meinem Leben. Obwohl der Swami sich in den 80er-Jahren aus Enttäuschung darüber, dass die meisten Yogapraktizierenden sich dieser Disziplin mit ungenügender Intensität hingeben, vom Lehrbetrieb zurückziehen wollte, akzeptierte er mich als seinen letzten Shishya (Schüler), und ich wurde von ihm in den folgenden Jahren auf wunderbare Art in die erregenden Geheimnisse des Yoga eingeweiht.
Die ersten Monate im Dörfchen Mantalai im indischen Kashmir verbrachte ich mit intensiver Praxis von Shat-Karma, Asana und Pranayama. Mein Tagesablauf war straff geregelt, ich musste bereits um 3 Uhr in der Frühe aufstehen, ein eiskaltes Bad nehmen, dann den Körper mit Hilfe von Atemübungen wieder wärmen und den ganzen Tag gemäss einem festgelegten Stundenplan üben. Das Gerüst bildeten vier Blöcke Pranayama, bei Tagesanbruch, am Mittag, am Abend und gegen Mitternacht. Bettruhe gab es erst um 12 Uhr nachts, und die Tatsache, dass ich nur drei Stunden pro Nacht schlafen durfte, trug dazu bei, dass ich ein unbeschreiblich empfindliches und besonderes Körpergefühl entwickelte. Das Ziel was er, in diesen Monaten mein Nadi-System von allen Verunreinigungen zu reinigen.
Neben der praktischen Arbeit gehörte auch das Studium der heiligen Schriften zu meinen Pflichten, und ich beschäftigte mich intensiv mit der Hathayoga-Pradipika, der Gheranda-Samhita, der Shiva-Samhita, las die Yoga-Sutras des Weisen Patanjali, die Bhagavad-Gita, das Shiva-Purana und das Shrimad Devi Bhagavatam. Im traditionellen Hatha-Yoga wird vor allem Wert auf die praktische Arbeit gelegt, denn die Yogis sagen, dass der menschliche Körper das Buch mit den Sieben Siegeln ist, in dem man alle Geheimnisse der Menschheit lesen kann. Das Lesen der heiligen Schriften gehört aber dennoch zu einer umfassenden Sadhana, denn Hatha-Yoga ist in seiner Art reichhaltig und komplett, und zur rechten Praxis sind alle Yoga-Arten erforderlich, Bhakti, Jnana, Karma, und Mantra. Hatha ist meiner Ansicht und Erfahrung nach die Königsdisziplin unter den Yoga-Stilen und vereint alle Ebenen des Menschen zu einem Göttlichen Ganzen. |
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YA: |
Folgen Sie vollkommen der Tradition und Lehre Ihres Gurus oder entwickeln Sie den Weg weiter und transformieren ihn für die westliche Kultur? |
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RG: |
Da es sich bei der Yoga-Tradition um etwas sehr Vollkommenes handelt, wäre es ein grosser Fehler, ihr nicht vollkommen zu folgen. Yoga ist eine Wissenschaft, die zeitlos und ewig ist und sich demzufolge nahtlos an alle Orte, Zeiten und Lebensumstände auf diesem Planeten anpasst. Die Bestrebungen vieler Yoga-Lehrer und Trend-Gurus, Yoga zu modernisieren und zumeist in weichgespülter Form der blinden Öffentlichkeit zu verkaufen, finde ich falsch und verwerflich. Leider was es schon früher so, dass viele falsche Yogis in der Yoga-Szene ihr Unwesen trieben und treiben und versuchen, damit Geld zu machen. Das hat seinen Grund aber vielleicht darin, dass Yoga nicht für die breite Masse ist und dadurch viele ungeeignete Aspiranten ausgesiebt werden, indem sie von Scharlatanen auf den Holzweg gelockt werden. Was ich von meinem Guru gelernt habe, ist unvergänglich und stark, und das einzige, was sich dadurch verändert, bin ich selber.
Yoga ist grundsätzlich für alle Menschen da, und man muss daraus nicht westliche, christliche, islamische oder jüdische Yoga-Stile kreieren. Die Regeln des Yoga sind immer und überall anwendbar, und sie gelten grundsätzlich für Schüler und Meister gleichermassen. Man kann sich in einer modernen Grossstadt genauso zurückziehen und üben, wie man dies in einer Höhle tun kann. Auch die Ernährungsvorschriften haben sich nicht geändert, Milch bildet weiterhin die Basis einer Sadhana, und die Bestrebungen vieler moderner Menschen, Yoga zu einer veganischen Kultur zu machen, entbehren jeglicher Grundlage und sind für die Übenden gefährlich und schädlich. Kuhmilch ist selbst in pasteurisierter oder uperisierter Form ein Göttergetränk, und das darin enthaltene Fett ist der wertvollste Aufbaustoff, den ein Yogi seinem Körper zuführen kann. Mein Guru hat in Indien immer eine Milchkuh in seiner Nähe gehabt, selbst in Delhi, und Milch war sein Leibgetränk. Er sagte mir, dass frische Milch bestimmt das Beste sei, dass man sich aber zu gegebener Zeit und unter bestimmten Umständen auch mit Milchpulver behelfen könne, wenn Frischmilch Mangelware ist. Auch andere Regeln, wie z.B. sexuelle Enthaltsamkeit zu Beginn einer Sadhana, sind nach wie vor gültig, obwohl sie leider von den meisten Menschen locker übergangen werden. Mein Guru hat mich gelehrt, dass ohne Zurückhaltung der Sexualkraft eine Erweckung der Kundalini nicht möglich ist, und genau das versuche ich auch meinen Schülern beizubringen. Es würde mir nie in den Sinn kommen, einen eigenen Yoga-Stil zu entwickeln und ihm einen klangvollen Namen zu geben oder ihn sogar patentieren zu lassen. Wer solches tut, zeigt deutlich, dass er vom Wesen des Yoga nicht viel verstanden hat und es dabei nur um das Anhäufen von Macht über Menschen und Reichtum geht.
Da ich als Individuum nicht gleich bin wie mein Guru und von ihm auch nie dazu ermahnt wurde, ihn zu kopieren, so habe ich als Mensch meinen eigenen Stil. Kleidung, Haartracht und andere Äusserlichkeiten gehören zu meinem Stil, und bestimmt unterrichte ich auch nicht gleich wie mein Guru. So könnte man sagen, dass jeder Yoga-Lehrer seinen eigenen Stil haben sollte, ohne jedoch die Yoga-Praxis als solche reformieren und weichspülen zu wollen. |
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YA: |
Sie sagen, bevor ein Mensch seinen Guru findet, muss er sich viele Dinge versagen. Gibt es die Möglichkeit, einen Guru auch ohne Versagen und mitten im Genuss der sinnlichen Dinge zu finden? |
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RG: |
Wie ich sagte, gibt es im Yoga einige unumstössliche Grundregeln. Wer seine Lebensweise nicht in aller Form den yogischen Gepflogenheiten anpasst, kann nicht damit rechnen, einen wirklichen Guru zu finden, selbst wenn dieser in körperlicher Form irgendwo auf diesem Planeten lebt. Würde sich ein Gegenvirtuose einem Menschen als Lehrer anbieten, wenn dieser nicht die ersten Anstrengungen, das Geigenspiel zu erlernen, unternommen und sein Talent entfaltet hätte? Mein Guru zeigte sich mir erst, nachdem ich eine yogische Lebensweise angenommen hatte und mir fest vornahm, unter allen Umständen meinen Samen stets zu bewahren, was damals gleichbedeutend mir dem vollkommenen Verzicht auf jegliche sexuelle Aktivitäten war.
Obschon Hatha-Yoga als tantrische Ur-Disziplin die Verbindung von Yoga und Bhoga, d.h. von Enhaltsamkeit und Sinnenfreude, nicht grundsätzlich ausschliesst, wäre es dennoch vermessen, anzunehmen, dass ein richtiger Yogi seine Zeit mit Schülern vertrödeln würde, die gar nicht richtig Yoga praktizieren wollen. Im Yoga geht es um das Göttliche, und Gott mag es, wenn Opfer gebracht werden. Und zweifelslos ist das Aufgeben einer Lustbefriedigung oder einer Unart ein wirksameres und willkommeneres Opfer als das Töten eines Tiers. Viele Menschen sprechen von Tantra und meinen, dass tantrische Praxis gleich beim Geschlechtsakt beginnt. Sie haben vergessen, dass die tantrische Disziplin oft jahrzehntelange Enthaltsamkeit fordert, bis man die notwendige Kontrolle über gewisse natürliche Körpervorgänge erlangt hat. Einen Guru zu finden ist sehr schwierig, und ein Schüler muss dafür alle Anstrengungen unternehmen. Mein Guru hat jahrzehntelang gesucht, bis er schliesslich seinen Guru fand. Bevor das geschah, war er durch die entbehrungsreiche Suche so zermürbt und desillusioniert, dass er nahe daran war, sich umzubringen. Eine solche Verzweiflung ist ein guter Motor für eine effektive Sadhana, und nur wenn das Leben schwarz wie eine Wandtafel wird, kann Gott etwas Neues daraufschreiben. |
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YA: |
Braucht der Schüler einen menschlichen Guru? |
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RG: |
Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Da der Guru eine Kraft ist, die vor allem im Innern des Schülers präsent und wirksam sein sollte, könnte man sagen, dass ein menschlicher Guru nicht unbedingt erforderlich ist. Anderseits ergibt sich aus der physischen Präsenz des Gurus eine ganz andere Dynamik und ein grösseres Gewicht seiner Lehre. Yogis gehen davon aus, dass die Aussenwelt von innen entsteht, und die uns umgebende Welt wie ein Abbild unserer Innenwelt ist. Somit ist es ein grossartiges Zeichen, wenn der innere Guru sich plötzlich aussen in körperlicher Form manifestiert. Das gibt dem Schüler die Gewissheit, dass er keinen inneren Trugbildern auf dem Leim ging, dass die innere Stimme plötzlich eine sichtbare Form hat. Das ist vor allem zu Beginn einer Sadhana ungemein wertvoll und spornt an, denn der Guru ist das leuchtende Beispiel, dem der Schüler folgen möchte. Mein Guru hat mich aber wie gesagt nie dazu ermuntert, eine Kopie von ihm zu werden, was meine äussere Erscheinung betraf. Und er hat mir mehr als einmal gesagt, dass ich stets tun solle, was der Guru sagt, aber nicht tun solle, was der Guru selber tut. Denn Gurus sind Wesen, deren Beweggründe im Leben man nicht durchschauen und begreifen kann, und ein Schüler sollte sich nicht anmassen, von Beginn weg diesselben Freiheiten und Privilegien wie der Meister zu geniessen. |
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Wie sieht heute Ihre tägliche Sadhana aus? |
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RG: |
Da ich seit fast 30 Jahren dem Yogaweg folge, hat sich meine Sadhana entwickelt und verändert. Am Anfang bestand sie aus Reinigung, Studium, Asana-Praxis und Zurückgezogenheit. 25 Jahre lang hat mich mein Guru dahingehend ermahnt, kein Yoga-Lehrer, sondern ein Yogi zu werden, so dass ich auf eine Lehrtätigkeit vollkommen verzichtete. Diese begann vor einigen Jahren fast wie von selber, und die Zeichen der Zeit waren so klar und deutlich, dass ich mich ohne jegliche Zweifel in diesen neuen Lebensabschnitt eingeben konnte. Durch den Unterricht in Bern und die Seminare im Ausland hat sich vieles verändert. Ich versuche nach Kräften, die Zahl meiner Klassen gering zu halten, damit mir noch genügend Zeit für meine eigene Praxis bleibt.
Eine Yoga-Schule erfordert grossen administrativen Einsatz und Zeitaufwand, so dass viele Yoga-Lehrer selber nur noch praktizieren, wenn sie unterrichten. Das ist ein grosser Fehler und bedeutet Stillstand. Zum Glück ist Yoga eine progressive Wissenschaft, so dass ich heute nicht mehr diesselben Übungen ausführen muss wie vor 25 Jahren. Das wäre auch gar nicht mehr möglich, denn Hatha ist eine reiches und komplexes System und erfordert einen grossen Einsatz an Zeit und Energie. Es wäre aber falsch, zu vermuten, dass ich mich selbst als Yoga-Meister oder gar Guru betrachte, ich bin immer noch ein Schüler und strebe mit Leibeskräften nach Selbstverwirklichung. Dazu ist tägliche Praxis absolut erforderlich, denn die Shakti will am Leben erhalten werden und wachsen, bis sie mir helfen wird, die letzten Stufen des Yoga zu erklimmen. Ein Yogi sollte fest verankert in seinen Gelübden sein, worauf er seine tägliche Sadhana und sein ganzes Leben baut. |
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YA: |
Was bedeutet Kundalini-Yoga im täglichen Leben? |
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RG: |
Kundalini-Yoga bedeutet, sich jeden Tag dieser Kraft hinzugeben, ihr zu dienen und sie am Leben zu erhalten und wachsen zu lassen. Ein Yogi hat zu ihr volles Vertrauen, denn sie ist wie eine Mutter mit grenzenloser Macht und Kraft, sie beschützt ihn, fördert ihn, nährt ihn und stärkt ihn. Ein Yogi baut sein ganzes Leben nur auf sie, denn sie ist die uranfängliche Kraft der Natur, die ihn formt und ihm hilft, den vor undenklicher Zeit verlorenen Platz im Paradies wieder zu finden. Sie ist allmächtig und weiss, was der Yogi zu seiner Entwicklung braucht. Sie ist aber auch streng und übt nur Nachsicht, wenn dieselben Fehler nicht wiederholt gemacht werden. Sie will, dass der Yogi sich wie ein Krieger im Leben verhält, ein Vira, der besonnen, umsichtig, vertrauensvoll, ruhig und beherrst ist. Und vor allem will sie, dass er all seine Schwächen erkennt, sie beleuchtet und dann gnadenlos ausmerzt. Dies ist nicht immer einfach, denn oft ist es schwierig, den Unterschied zwischen einer Schwäche und einer Notwendigkeit zu erkennen. Da sie das reine Bewusstsein der uranfänglichen Natur verkörpert, entwickelt sie ebensolche Bewusstheit in ihm und hilft ihm, diese tief im Unterleib herrschende Kraft mit dem Bewusstsein Shivas zu vereinigen, das die höchste Ebene des menschlichen Daseins umfasst. |
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YA: |
Sie sagten in einem Interview, dass Sie am Beginn Ihres spirituellen Weges Afrika als das Muladhara Chakra der Welt erkannt haben und dort ein Jahr verbrachten. Wenn Afrika das Muladhara Chakra der Welt ist, dann ist das gesamte System der Chakren auch auf der Erde verankert. Wie sieht die Weltkarte der Chakren aus? Welchem Chakra ist unser Kontinent zugeordnet? |
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RG: |
Das Weltbild der Yogis wird z.B. in der Lehrschrift Shiva-Samhita beschrieben. Das klingt dort für Uneingeweihte sehr orientalisch-malerisch und auch abstrakt, und erst durch eigene Erfahrung nehmen die bildhaften Beschreibungen einen realen Charakter an. Es steht geschrieben, dass die Wirbelsäule des Menschen der heilige Weltenberg Mt. Meru sei, an dessen Achse alle Kontinente, Länder und Planeten aufgereiht sind, worin allerlei verschiedenartige Lebewesen existieren. Menschen, Tiere, Götter und Dämonen fristen ihr Dasein im Innern des menschlichen Wesens, und durch die Praxis des Yoga vermag man auf alle diese Geschöpfe einzuwirken und mit ihnen eine Verbindung einzugehen.
Diese Ansicht von Innen- und Aussenwelt hält aber einer sachlichen Betrachtung stand, wenn man sie etwas nüchterner in Worte fasst. Die altindische Philosophie des Samkhya, die auf den Weisen Kapila zurückgeht, bildet die intellektuelle Basis des mehr praxisorientierten Yoga-Systems, und sie lehrt uns, dass das menschliche Wesen aus verschiedenen Schichten oder Hüllen besteht, die von der fleischlichen bis zur seelisch-göttlichen Ebene reichen. Für die Yogis spielen vor allem der Astralkörper oder subtile, feinstoffliche Leib, der sich wie eine Art “Seele” in uns befindet, und der grobstoffliche, physische Körper eine wichtige Rolle, und Yoga versucht, zwischen diesen beiden Ebenen des Menschen eine Verbindung herzustellen. Der Astralkörper ist eine Art Lichtkörper, der starke elektromagnetische Schwingungen erzeugt, woraus unser physischer Körper und die uns umgebende Welt entstehen. Im Astralkörper befindet sich ein System von feinstofflichen Energiekanälen, den sog. Nadis, 72’000 an der Zahl, und einige Energiezentren, die sog. Chakras, welche die in den Nadis fliessende Energie bündeln und umsetzten. Von diesen Chakras sind 7 von besonderer Bedeutung, und sie sind entlang der Wirbelsäule im Bereich des Steissbeins bis oben zur Fontanelle aufgereiht.
Bildlich gesprochen könnte man es so ausdrücken, dass der Astralkörper eine Art Lichtquelle ist, die ähnlich wie im Kino im Körper einen Film erzeugt, der aus den Tiefen unseres Unterbewusstseins entsteht. Unser physischer Körper ist wie ein Projektor, der diesen Film über die Sinnesorgane nach aussen projiziert und ihn so als dreidimensionale Wirklichkeit erfährt. Genau wie die Welt hat auch der Körper einen Südpol, das sind die Füsse, und einen Nordpol oben an der Fontanelle. Die Yogis teilen die Welt wie die Geographen auch in sechs Kontinente auf, haben aber im Gegensatz zur modernen Wissenschaft eine nicht nur geographische und wirtschaftspolitische Sichtweise, sondern betrachten auch die kulturellen Aspekte, weshalb sie z.B. die Antarktis, den Südpol, analog zu den Füssen des Menschen zum Muladhara Chakra und demzufolge zum afrikanischen Kontinent zählen.
Das Muladhara Chakra, das die Wurzel des Lebensbaumes bildet, projiziert den afrikanischen Kontinent nach aussen. Die Afrikaner sprechen oft von “Roots”, denn das Wissen um die Kraft und Bedeutung des Muladhara-Chakras ist tief in ihrer Seele verborgen. Aus diesem Chakra, dem das Element Erde zugeordnet ist, entsteht die Welt und der menschliche Körper, weshalb Säuglinge voll und ganz auf diesen Energiekreis konzentriert sind, indem sie mit ihren Füssen spielen und voll aus dem Unterleib empfinden und fühlen.
Ganz zu Beginn meiner Sadhana, im Jahr 1981, wurde ich von meinem Guru auf eine abenteuerliche Reise nach Afrika geschickt, um dort in die Geheimnisse des Muladhara-Chakras einzudringen. Diese Reise zu beschreiben würde den Rahmen des Interviews sprengen. Ich kann nur anfügen, dass mein Guru mich nie mit grossen Worten, sondern stets durch abenteuerliche und spannende Erlebnisse gelehrt hat, die mich an verschiedene Orte führten. Genauso wie mit afrikanischem Vodoo-Zauber kam ich auch mit afghanischen Sufis in Kontakt und lernte von ihnen über die Kraft des Svadhisthana Chakras.
Das Svadhisthana Chakra auf der Höhe der Genitalien umfasst den gesammten arabischen Kulturkreis oder “Kontinent”, was man z.B. äusserlich daran erkennt, dass der Halbmond, das Symbol des Chakras, in der Flagge fast aller arabischen Länder ist.
Aus dem Manipura Chakra werde die Länder Asiens um uns herum projiziert, die alle im Zeichen der “brennenden Sonne der Nabelregion” stehen, wie es im Shastra geschrieben steht. Von dort, aus der Mitte, kommen alle die ganzheitlichen, Körper und Geist gleichmassen einbeziehenden Philosophien und Techniken zur Selbstverwirklichung. Der indische Subkontinent wird oft “Nabel der Welt” genannt, China “das Reich der Mitte”, womit die Menschen unbewusst, aber unmissverständlich auf die “innere” Lage dieser Länder hinweisen.
Australien, Neuseeland und Ozeanien entstehen aus dem Anahata Chakra. Nord-, Mittel- und Südamerika aus dem Vishuddha Chakra. Wenn man davon ausgeht, dass dieses Chakra auf der physischen Ebene Kehlkopf und Schilddrüse darstellt, die massgeblich das Immunsystem regulieren, versteht man, weshalb Amerika weltpolitisch überall Einfluss nehmen will. Es geht dabei um die Interessen des Kopfes, der auf ein gesundes Funktionieren des Unterleibs angewiesen ist, um sich optimal entwickeln zu können. Genau wie in der Aussenwelt spielen sich auch in uns politische Dramen ab, es werden Kriege geführt, bei denen es um Resourcen und Energien geht, um das körperliche Gleichgewicht zu erhalten.
West- und Osteuropa (Eurasien) schlussendlich befinden sich im Kopf des menschlichen Wesens und werden vom Ajna Chakra gebildet. Damit könnte man plausibel erklären, wieso so viele Europäer unter psychischen Problemen wie Phobien, Allergien, Depressionen und Ängsten leiden. Europäer zu sein hat gewisse Vorteile, jedoch nur, wenn die europäischen Kopfmenschen es verstehen, die Kraft der Füsse und des Unterleibs zu reanimieren, was ein Ziel des Yoga ist. |
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YA: |
Leben Sie ohne Partnerschaft und ohne Sexualität? |
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RG: |
Das Erste, was ich vor vielen Jahren über Yogis hörte, war, dass sie stundenlang eine Erektion halten und mit einer Partnerin Liebe machen könnten. Das hat mich damals sehr beeindruckt. Ich verfüge zwar immer über eine sehr rege und farbige Fantasie, was erotische Dinge anbelangt, aber leider war ich früher nie in der Lage, all diese wundervollen Möglichkeiten in der Realität leben zu können. Mein Sexleben vor Yoga war intensiv, aber auch destruktiv und Kräfte zehrend, insbesondere wenn man noch andere gesundheitsschädigende Praktiken mitberücksichtigt, die damals an der Tagesordnung waren, Sex, Drugs & Rock’n Roll eben. Als ich mit Yoga begann, und wusste, dass ich diesen Weg richtig verfolgen wollte, drängte sich eine völlig enthaltsame Lebensweise automatisch auf. Ich glaubte and die Texte der Hatha-Pradipika und Gheranda-Samhita, und der von mir verehrte Swami D.B. propagierte ebenfalls die Zurückhaltung des Samens, wenn man den Weg erfolgreich gehen wollte. Ich lebte 25 Jahre lang einsam und allein, ohne sexuelle Aktivitäten, nur auf meine Sadhana konzentriert, die auch ohne Sex sehr spannend und reich an intesiven Gefühlen war.
Mein Guru betonte immer, dass ein Brahmachari nicht einfach eine Art Klon eines katholischen Priesters ist, der krampfhaft versucht, keusch durchs Leben zu gehen, sondern ein Mann mit voll entwickelter Potenz, der den Geschlechtsakt entsprechend den tantrisch-yogischen Vorgaben vollziehen kann. In der Hathayoga-Pradipika wird beschrieben, wie der Yogi Vajroli mit einer Partnerin zusammen praktizieren und dadurch Sahajoli and Amaroli verwirklichen kann. Dabei muss bemerkt werden, dass Amaroli sozusagen die Frucht der Beherrschung von Vajroli ist, ein in Zustände höchster Ekstase hineinführender Fluss wonniger Energieströme, die ihren Ursprung im Bereich des Hypothalamus im Gehirn haben. Es ist sehr bedenklich, dass diese hohen Zustände von gewissen uneingeweihten Trend-Gurus mit dem Trinken von Urin gleichgesetzt werden. Yogis trinken keinen Urin und essen auch keine Exkremente, und wer ein richtiger Brahmachari ist, der sollte sich hüten, sich mit falschen Übersetzungen der Sanskrit-Texte und falschen Kommentaren profilieren zu wollen, denn das Resultat ist bestenfalls peinlich, wenn man daran denkt, dass viele Leute sich deswegen Urin durch die Nasenlöcher giessen und dies “Amaroli” nennen.
In all den Jahren der Askese träumte ich immer davon, irgendwann einmal einer Frau zu begegnen, die meine Yoga-Partnerin und Yogini sein würde. Dieser Traum ist vor ein paar Jahren in Erfüllung gegangen, als ich Vanessa Schmid begegnete. Uns verbindet all das, was ich mit Yoga assoziiere, und ich sehe in ihr die Shakti, die sich eigens für mich in menschlicher Form präsentiert, um mir zu helfen, in neue Bereiche des Yoga einzudringen. |
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YA: |
Was ist Ihr höchstes spirituelles Ziel? |
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RG: |
Es gibt für einen Sadhaka nur ein höchstes Ziel, und das ist Samadhi. |
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YA: |
Haben Sie eine Vision, wie sich Yoga weiterentwickelt und in den nächsten Jahrzehnten auf der Welt manifestiert? |
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RG: |
Yoga wird für alle Zeiten auf gewisse Menschen grosse Faszination ausüben. Es werden mehr und mehr Menschen in den Sog dieser gewaltigen Wissenschaft geraten, aber da es auch immer mehr falsche Heilsverkünder geben wird, werden sich wie seit alters her nur eine geringe Zahl von Menschen wirklich zu den höchsten Yoga-Gipfeln aufmachen. Genauso, wie es Leute wie meinen Guru und mich gibt, die für die fundierte, wirkungsvolle und subtile Praxis einstehen, wird es immer auch Personen geben, die falsche Behauptungen und Lehren verkünden und dies in soviel äusserlichen Pomp und Firlefanz kleiden, dass die Masse sich betrügen lässt. Dennoch sehe ich die Chance, dass ich einige Menschen überzeugen werde, entsprechend den Anleitungen der alten Meister zu üben, indem ich mich selber weiterentwickle und versuche, Yoga richtig zu leben. Wenn die Shakti in mir wächst und wirkt, so werde ich gewiss für andere Suchende glaubwürdig und echt wirken, und sie werden so zu üben beginnen, wie seit alters her geübt worden ist.
Und ich hoffe, dass viele Menschen die Augen öffnen und sich alle Gurus und Heilsverkünder genau ansehen, bevor sie einen als Meister auswählen. Ist es nicht seltsam, dass tausende von Leuten seit Jahrzehnten riesige Geldsummen an Maharishi Mahesh Yogi bezahlen, um das Levitieren zu lernen? Warum ist noch nie jemandem in den Sinn gekommen, diesen Meister darum zu bitten, eine öffentliche Demonstration seiner eigenen Flug-Kunst zu geben?
Eines weiss ich mit Bestimmtheit: die alten Yogis haben mit dem Ausspruch “nasti yogat param balam” vollkommen recht. Das bedeutet “Es gibt keine grössere Kraft als Yoga”, denn in diesem Universum kann es nichts Gewaltigeres geben als die Verbindung von Gott und Mensch. Und da Gott den Menschen braucht, um sich selber zu erfahren, wird das Göttliche auch in fernster Zukunft geeignete Menschen auswählen, um sich durch Yoga aus allen Fesseln und Zwängen in die göttliche Freiheit zu bewegen. |
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YA: |
Sie sagten, Sie halten sich nicht für einen Yogi, würden aber gerne einer werden. Wie sähe Ihr Leben als Yogi aus? |
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RG: |
Ein richtiger Yogi ist man erst, wenn man Samadhi erreicht hat, denn das Wort “Yogi” bezeichnet einen Menschen, der den Yoga vollbracht und Göttliche Selbstverwirklichung erreicht hat. Es ist mein grösstes Sehnen und Bestreben, ein richtiger Yogi zu werden. Mein Leben würde dann wohl ähnlich aussehen wie heute, ich würde weiterhin praktizieren, würde mich and die Regeln des Yoga halten und würde versuchen, geeignete Menschen in die Wissenschaft des Yoga einzuführen. Vielleicht würde ich mich glücklicher fühlen, gesünder, wie mein Guru unempfindlich gegen Dualitäten, frei von Zwängen und dennoch bestrebt, gewissen Pflichten nachzukommen. Es ist müssig, darüber zu träumen, alles geschieht nach Gottes Plan, und Inshallah werde ich eines Tages ein Yogi sein. |
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YA: |
Vielen Dank für das Interview! |
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